Mo, 06 02 2012   
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Buer (Stadt Gelsenkirchen) - ein Portrait

Am 17. Juni 1147 bestätigte Papst Eugen III. dem Benediktiner-Kloster Deutz den Besitz der Kirche (St.Urbanus) in Buer.("in Buron ecclesiam"). Sie gilt als Tochterkirche der St.-Lamberti-Kirche in Gladbeck, was jedoch bezweifelt wird, denn der Buersche Pfarrbereich ist um ein Vielfaches größer als der angeblichen Mutterkirche. Um 1334 wird zum ersten Mal mit "Conradus plebanum in Bure" ein die Seelsorge ausübender Priester an der Ortskirche genannt. Im 14. Jahrhundert wurde das Pfarramt wechselweise von den Grafen von Limburg-Styrum und den Herren von Strünkede vergeben, bis 1592 der Strünkeder das Patronatsrecht ganz an sich brachten. 1786 gelangte es ab den Kölner Erzstuhl. Ob mit dem in der am 1.April 1003 von Erzbischof Heribert von Köln ausgestellten Urkunde genannten "Puira Buir" (Stadt Kerpen) oder Buer(Stadt Gelsenkirchen) gemeint ist, lässt sich für keine der ehemals selbstständigen Gemeinden mit hundertprozentiger Sicherheit belegen. Wegen seiner engen Verflechtungen mit Deutz spricht jedoch vieles für das ehemalige Buer in Westf. Eins ist jedoch sicher, als Siedlungsplatz ist Buer älter als 1000 Jahre. Bodenfunde aus der Zeit um 7500 v. Chr. belegen, das Vorhandensein menschlicher Besiedlung.

Uneinigkeit herrscht auch in der Namensdeutung. Bedeutet Buer nun "Siedlung auf einer Erhebung" (von plattdeutsch "boeren"="heben") oder, "Siedlung bei den Häusern"(von "bur" = althochdeutsch "haus, Wohnung, Kammer") oder "Siedlung im Sumpfwasser"(von keltisch "Buria"). Den Kern der Gemeinde bildete im Mittelalter und der Frühneuzeit bis zum Untergang des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" im Jahre 1803 die Dorf-Freiheit. Sie war von einem doppelten Graben umgeben, sowie mit Erdwall, Holzpalisade, Dornenhecke ("Hagen") und drei Toren befestigt. Die Siedlung gliederte sich in 3 Nachbarschaften, die je 3 Ratsherren stellten und jährlich 2 Bürgermeister wählten.

1652 erneuerte der Kölner Kurfürst die Freiheitsprivilegien, die der Gemeinde ihre stadtähnliche Selbstverwaltung und ihr eigenes Recht(Immunität, Markt, Niedergerichtsbarkeit, Asyl) gewährten, das ihr bereits in der Freiheitsurkunde von 1448 vom Landesherrn, dem Kölner Erzbischof Dietrich von Moers, zugesprochen worden war und sie aus der Landgerichtshoheit des Vestes Recklinghausen ausgesondert hatte.

Neben einigen Kleinbauern und Köttern lebten in der Dorf-Freiheit vor allem Handwerker: Weber, Schuhmacher, und Holzschuhmacher, Gewerbetreibende wie Kaufleute, Schneider und Maurer. Die Bürgerschaft konnte man durch einen "Bürgerbrief", verbunden mit bestimmten Leistungen, gewinnen. Wie ein Kranz umgaben 14 Bauernschaften die Freiheit und bildeten mit ihr das Kirchspiel, zu dem laut Visitationsprotokoll von 1569 ca. 2250 Pfarreingesessene gehörten(Dorf-Freiheit etwa 450 Bewohner).

Vom 16. bis 19. Jahrhundert hatte Buer mit den übrigen Orten des Vestes unter den Drangsalen der aufeinander folgenden Kriege wie Plünderungen, Verwüstungen, Hungersnöten, Krankheiten, Kontributionslasten und Einquartierungen zu leiden. 1811, beim Anschluss des Vestes Recklinghausen an das Großherzogtum Berg, nahm die Freiheit Buer ein Ende. Sie wurde Sitz einer Mairie(nach 1815 Bürgermeisterei). Seit dieser Zeit sind - von kurzen Ausnahmezeiten - Freiheit und Kirchspiel zu einer Gemeinde vereinigt geblieben. Die Mairie umfasste die Gemeinden Buer, Gladbeck, Horst und Westerholt, von denen jedoch die letzteren 1885, 1891 und 1911 wieder ausschieden.

Die Bevölkerung der Landesgemeinde Buer lebte von landwirtschaftlichen Erträgen , vier Jahrmärkten und wenigen kleinen gewerblichen Betrieben, bis mit dem Beginn der Kohlenförderung aus der Zeche Hugo ab 1879 eine völlige Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse eintrat. Auf Buerschem Gebiet entstanden insgesamt 19 Schachtanlagen mit 19 Schächten. Die Kohlegewinnung und die mit ihr eingehende Verarbeitung ihrer Chemischen Nebenbestandteilen gab über 80% der Bevölkerung "Brot und Arbeit". Von Bedeutung war auch die Ziegelfabrikation der Zechen, die Mineralölwirschaft und die Herstellung eisener Baukonstruktionen.

Dem Anwachsen der Bevölkerung bis auf 61510 Einwohner im Jahr 1910 folgte am 23. Februar 1911 die Verleihung der Stadtrechte und am 1. Februar das Ausscheiden Buers als Kreisfreie aus dem Landkreis Recklinghausen. Einhergehend mit dem Aufstieg der Einwohnerzahl erfolgte eine rege Bautätigkeit. Es entstanden Großbauten wie das monumentale Rathaus mit seinem 63 m hoehen Turm, die wuchtige neugotische kath. Urbanuskirche mit ihrem rund 96 m hohen Turm, die kleinstädtisch wirkende neugotische ev. Apostelkirche und die ausdrucksstarke neuromanische hat. Ludgerikirche. In den Vororten Buer-Erle wurden je eine schlichte, mittelgoße neugotische kath. und ev. Pfarrkirche errichtet. Als prächtigstes Architekturbild boten sich die im Jugendstil errichteten ev. Kirchen in Buer-Beckhausen (im 2. Weltkrieg leider zerstört) und in Buer-Resse dar. Ein in Nähe des Rathauses geplantes Forum bestand vor 1928 bereits aus den Bauten des Finanzgebäudes, des Polizeiamtes, des Gymnsaiums und Lyzeums. Hinter dem Rathhaus erhob sich der Neubau der Reichsbanknebenstelle, während sich das kath. Marienhospital, die Post und das Amtsgericht als Einzelbauten im Norden bzw. Osten des erweiterten Ortskerns befanden.

Für Buer ist der Grüngürtel, der sich ringförmig um den Siedlungskern zieht charakteristisch. er vereinnahmt rund 22 Prozent des ehemaligen Stadtgebietes. In den Grüngürtel eingebunden sind auch zwei der zahlreichen Adelssitze, die sich einstmals über das ganze Kirchspiel verteilten, eingebunden: Haus Lüttinghoff und Schloss Berge, deren Aufsitzer in der Vergangenheit als Verwaltungsbeamte des Kölner Erzbischofs tatkräftig die kulturellen und politischen Geschicke der Landschaft mitgestalteten. Wie ein Kranz umgeben die Stadtteile Buer-Erle, Buer-Beckhausen, Buer-Scholven, Buer-Hassel und Buer-Resse den Stadtkern Buer-Mitte. In den Vororten enstanden durch die vorbildliche Siedlungspolitik des Preußischen Bergfiskus' schmucke Bergmannssiedlungen im Grünen, die durch Verbindungs-
straßen mit dem Stadtkern verbunden waren und noch sind. So entstand mit Buer die vorbildliche Anlage einer modernen Industriestadt im Grünen, in der die Trennung von Industrie-, Wohn - und Erholungsgebiet wie in nur wenigen Industriestädten Deutschlands so mustergültig durchgeführt wurde.

Am 18. Februar 1922 trat Buer mit 100000 Einwohnern in die Reihe der Großstädte. Gegen Ende 1926 hatte es 103970 Einwohner. Am 1.April 1928 schlossen sich Buer, Horst und Alt-Gelsenkirchen zur Großstadt Gelsenkirchen-Buer zu-
sammen, deren Name 1929 in Gelsenkirchen geändert wurde. Von nun an durchleben und durchleiden die drei ehemaligen selbstständigen Gemeinden eine untrennbare gemeinsame Geschichte.

Arno Vauseweh

 
 
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